Das Zeichen des fremden Ritters

 

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Die wichtigsten Personen

Agnes (10):
Tochter des
Gewürzkrämers
Josef Steinhaus

Jakob (10):
Sohn von
Jakob “Köbes” Brauer

Hannes (11):
Küchenjunge
und Freund von
Jakob und Agnes

Konrad (12):
Sohn des
Grafen von
Erlenburg

Ein wenig aus dem ersten Kapitel
(Weihnachten auf der Burg, adelige Gäste von überallher,
aber nicht alle kommen gut miteinander aus ...):

"Noël, Noël, lala, lala", sang Pierre, der französische Koch in der Küche des Grafen von Erlenburg, während er die frisch gebackenen Honigkuchen sorgfältig in Stücke schnitt und auf Tellern stapelte.
"No-el, No-el heißt Weih-nach-ten!", sangen Hannes und die anderen Küchenjungen lauthals mit, obwohl sie so viel zu tun hatten, dass es kaum zu schaffen war.
Alle in der großen Burgküche hatten gute Laune. Es war Weihnachten! Gestern, am 24. Dezember, hatten sie noch Fisch und Eiersuppe kochen müssen. Da war noch Fastenzeit gewesen. Aber seit der Mitternachtsmette war es endlich so weit: Nach sechs langen Wochen durfte man wieder alles essen. Also hatten sie die köstlichsten Gerichte für das große Weihnachtsmahl des Grafen von Erlenburg zubereitet.
Für Hannes und die anderen Gehilfen bedeutete Weihnachten zwar einen ganzen Berg Arbeit in der Burgküche, und das würde auch noch bis zum Dreikönigstag so weitergehen, aber mitsingen wollten sie trotzdem!
Vornehme Gäste waren der Einladung des Grafen Wilhelm für die zwölf Tage des Weihnachtsfestes gefolgt. Von überallher waren sie gekommen: Ritter und Edelfrauen mit ihren Knappen und ihrem Gefolge. Die Burg summte wie ein Bienenkorb.
Einer der Ritter war sogar aus Frankreich angereist. Guy de Vitry war der Schwager des Grafen von Erlenburg. Seine Frau Amalia hatte darauf bestanden, ihren Bruder zu Weihnachten zu besuchen. Und Graf Guy hatte darauf bestanden, seinen Koch Pierre mitzunehmen, weil er gerade an Weihnachten nicht auf französische Speisen verzichten wollte.
"Gut!", rief Pierre. "Annes, 'ilf mir mit diese Kunstwerk! Vite, vite."
Pierre war zwar erst zwei Tage da, aber das hatte Hannes gereicht, um einiges aufzuschnappen. Und nicht nur ein paar wirklich gute französische Rezepte. Franzosen konnten offenbar kein "H" sprechen, also hieß Hannes für Pierre nur "Annes". Und dieses "wit wit" bedeutete, dass man schnell machen sollte. Und bei Pierre musste man dauernd schnell sein.
Hannes stellte rasch die beiden Kannen mit Rosenwasser wieder ab, die er gerade in die Halle hatte tragen wollen. Pierre zeigte auf einen großen, flachen Marzipankuchen, auf dem die Wappen der beiden Grafenfamilien prangten. Er hatte sie aus Zucker geformt, aber sie sahen täuschend echt aus - genauso wie in dem Festschmuck, der in der Halle an der Wand hinter dem Hohen Tisch befestigt war: der rote Löwe mit den goldenen Krallen für den Grafen von Erlenburg und für Graf Guy de Vitry eine Burg mit drei Türmen, darüber drei goldene französische Lilien.
Jetzt sollte der ganze Kuchen vorsichtig vom Tisch auf ein sauberes Holzbrett geschoben werden, auf dem man ihn in die Halle tragen konnte. Hannes hielt beim Arbeiten die Luft an, aber schließlich lag der Kuchen auf dem Brett und war zum Glück nicht zerbrochen.
"Noël, hm hm, Noël, lala", sang Pierre und betrachtete stolz sein Werk. "Noël, Noël ..."
"Noël, Noël", hörten sie plötzlich zwei fremde Stimmen.
Hannes drehte sich erschrocken zur Tür um, die nach draußen in den Küchengarten führte, und strahlte dann über das ganze Gesicht.
"Gottfried!", rief er und rannte auf den Spielmann zu. Der stand in einem Wirbel aus Kälte und Schneeflocken breit grinsend in der Tür und klopfte sich den Schnee aus dem Umhang. Auch die anderen Küchenjungen und Gehilfen liefen lachend zu ihm.
"Wer ist das?", fragte Pierre aufgebracht, weil alle mit ihrer Arbeit aufhörten. Er schnappte sich einen Holzlöffel und schwang ihn bedrohlich in Richtung Gottfried. "'inaus aus meine Küche!"
"Wer ist das?", fragte Gottfried und zeigte mit spitzem Finger auf Pierre. "Alberich, der wütende Elf?"
Hannes und die anderen mussten sich ein Grinsen verkneifen. Alberich war der König der Zwerge und Elfen, die Geschichten über ihn kannten sie alle. Und Pierre sah wirklich ein bisschen so aus wie ein kleiner Elf mit großen Ohren.
Die beiden standen sich gegenüber und musterten sich von Kopf bis Fuß. Der kleine, quirlige Pierre reckte das Kinn in die Luft, stützte die Arme in die Seiten und machte ein entrüstetes Gesicht. Gottfried war über einen Kopf größer als er und grinste auf ihn hinunter.
Hannes sagte schnell: "Das ist Pierre, der Koch des Grafen Guy de Vitry."
"Ah! Ein französischer Koch!" Gottfried machte eine vollendete Verbeugung.
Doch da riss Pierre die Augen auf und wedelte mit seinem Löffel über Gottfrieds Rücken. "Und da 'inten ist noch einer. Sänger für Noël, eh? Annes, 'ol ein paar Äpfel und 'onigkuchen und gib sie denen. Und dann weg mit ihnen aus meine Küche. Vite, vite."
Hannes versuchte, dem empörten Pierre zu erklären, dass Gottfried kein Weihnachtssänger war, der mit einem Lied um Gaben bitten wollte.
"Aber das ist doch Gottfried, der Spielmann", rief er. "Graf Wilhelm erwartet ihn in der Halle! Die anderen Akrobaten und Musiker sind auch schon da."
Pierre betrachtete Gottfried zweifelnd.
"Und die andere Mann?"
"Er heißt Geoffrey und ist auch Spielmann", erklärte Gottfried, zog den Fremden in die warme Burgküche und schloss die Tür.
Vor ihnen stand ein junger Mann von vielleicht achtzehn Jahren mit hellbraunen schulterlangen Locken und einem fröhlichen Gesicht. Seine Kleidung war nicht ganz so bunt wie die von Gottfried und er trug auch keine Laute über der Schulter. Es schien ihm gut zu gehen, denn er konnte sich offenbar lederne Stiefel und ein gut gefüttertes Wams aus feinem Stoff leisten.
"Dschef-ri?", versuchte Hannes den seltsamen Namen auszusprechen. "Was ist das denn für ein Name?"
"Na ja", antwortete Gottfried, "das ist Englisch und heißt nichts weiter als 'Gottfried'. Geoffrey kommt aus England. Wir haben den gleichen Namen und den gleichen Beruf. Gut, was? Ich habe ihn eben bei Matthes in der Burgschänke getroffen."
"Das ist wahr", sagte Geoffrey mit einem fremden Akzent, der anders klang als Pierres. "Ich bin Spielmann. Gottfried war so nett, zu nehmen mich mit ihm. Wir haben schon etwas ausgedacht für den Grafen. Leider man hat mir gestohlen mein Instrument", fügte er traurig hinzu. "Es war eine Fidel. Aber Gottfried sagt, vielleicht der Graf hat ein Instrument für ..."
"Fi!", spuckte Pierre zornig. Es hörte sich an wie ein sehr verächtliches 'pfui!'. "Engländer in meine Küche? Eine unglaubliche Ding!"
Er funkelte den Spielmann böse an. Die anderen warfen sich betroffene Blicke zu und zuckten die Schultern. Keiner verstand, warum Pierre so unhöflich war. Was hatte er gegen Geoffrey?
Immer noch empört klatschte Pierre in die Hände. "Vite, vite. 'ier fault niemand. An der Arbeit jetzt!"
Er begriff nicht recht, warum alle lachten, aber seine Gehilfen verstanden sofort, dass sie nicht mehr faul herumstehen sollten.
Und Pierre hatte recht. Das Weihnachtsessen würde gleich beginnen. Sie hörten, wie die Musiker des Grafen oben in der Halle die Fanfaren bliesen. Es bedeutete, dass nach einer kurzen Unterhaltung durch die Gaukler die Speisen des ersten Gangs in die Halle getragen werden mussten. Sie stoben in alle Richtungen und stellten hastig die gefüllten Schüsseln und Platten bereit.
Während der zwei vergangenen Tage hatten sie gelernt, dass Pierre schnell aufbrauste und genauso schnell wieder friedlich und freundlich war. Es dauerte auch nicht lange, bis er wieder vergnügt vor sich hin summte, während er noch ein letztes Mal die Gerichte beäugte: Erbsen mit Wein und Honig, sauer eingelegte Bohnen, gebratene Wildschweine, Gänse, Wachteln und Tauben, Hühnchen in Mandelmilch und vieles mehr. Als Krönung sollten beim dritten Gang des Festmahls drei gefüllte und gebratene Reiher auf die Tafel kommen, in deren Schnäbel Wolle gestopft war. Sie hatten die Wolle in Öl getränkt und ein wenig Salpeter darauf gestreut. Vor dem Servieren würde die Wolle entzündet, damit die Vögel in einem Regen aus Tausenden von winzigen Feuerfunken auf die Tische gestellt werden konnten.
Pierre nickte zufrieden. Alles sah gut aus.
"Vite, vite!", rief er. "'inauf mit euch!"
Hannes nahm rasch die beiden Kannen mit Rosenwasser und führte Gottfried und Geoffrey hinauf in die Halle. Die Küchenjungen und Gehilfen folgten ihnen mit den ersten Speisen.
Oben in der großen Halle erwartete sie das Summen vieler Stimmen, fröhliches Gelächter und Applaus. Im Schein von Fackeln und Kerzen verbeugten sich die Gaukler und Akrobaten. Hannes kannte sie fast alle. Sie waren schon im Sommer durch Erlenburg gezogen und hatten während des Jahrmarkts ihre Kunst gezeigt. Als jetzt der erste Gang des Festmahls aufgetragen wurde, machten sie den Gehilfen Platz.
Hannes füllte die Schalen auf den Tischen mit Rosenwasser. So konnten sich die Gäste während des Festmahls immer wieder die Hände waschen. Das würde nötig sein, denn vieles wurde mit den Fingern gegessen.
Während der Arbeit blickte er neugierig zum Hohen Tisch. Dort saßen Graf Wilhelm und Gräfin Elisabeth auf verzierten Stühlen mit hohen Lehnen. Hinter ihnen stand Konrad, der Sohn der beiden. Er war ein Jahr älter als Hannes und musste als Page seines Vaters dafür sorgen, dass die Kelche am Hohen Tisch immer mit Wein gefüllt waren.
Die Gräfin unterhielt sich mit der Dame neben ihr, mit Amalia, der Schwester des Grafen. Zwischen ihnen thronte Konrads kleine Schwester Anna. Ihre Augen glänzten stolz, weil sie ausnahmsweise bei den Erwachsenen sitzen durfte.
Auf der anderen Seite neben Graf Wilhelm hörte Guy de Vitry dem Gespräch seines Schwagers zu. Graf Wilhelm freute sich, dass Gottfried gekommen war, wie sie es im Sommer verabredet hatten.
"Und wen hast du da mitgebracht?", fragte er.
"Geoffrey, einen Spielmann aus England", antwortete Gottfried mit einer Verbeugung.
Auch Geoffrey verbeugte sich vor den beiden Grafen.
Graf Guys Miene verfinsterte sich.
"Engländer!", schnaubte er.
Graf Wilhelm beachtete ihn gar nicht.
"Was werdet ihr uns spielen?"
"Wir haben uns etwas Besonderes überlegt", antwortete Gottfried. "Etwas, das zum heutigen Fest passt."
"Ein Weihnachtslied aus meiner Heimat", fügte Geoffrey hinzu und verbeugte sich wieder. "Wir singen die Strophen auf Englisch und auf Deutsch."
Graf Guy schnaubte abermals empört. Graf Wilhelm legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Mit der anderen wies er auf den Platz zwischen den Tischen.
"Lasst es uns hören", forderte er die Spielmänner freundlich auf.
Gottfried und Geoffrey gingen in die Mitte der Halle.
"Wohlan!", rief Gottfried, wie er es immer tat, damit alle ihm zuhörten.
Der fröhliche Lärm der Gäste wurde leiser. Alle blickten die beiden Spielmänner erwartungsvoll an. Gottfried spielte die Melodie auf seiner Laute und sie sangen abwechselnd.

      Nowell, Nowell, both old and ying,
      Nowell, Nowell, now may we sing
      In worship of our heavenly King,
      Almighty God in Trinity.

      Noël, Noël, euch allen hier,
      Noël, Noël, nun singen wir
      dem Himmelskönig zu seiner Ehr,
      Allmächt'ger Gott, Dreifaltigkeit.

      Listen, lordings, both lief and dear,
      Listen, ladies, with glad cheer,
      A song of mirth now may ye hear,
      How Christ our brother He would be.

      Hört zu, ihr Herren, wohlgesinnt,
      hört zu, ihr Damen, froh gestimmt,
      ihr hört ein heitres Lied geschwind,
      wie Christ unser Bruder wird heut.

Geoffrey begann mit der dritten Strophe, aber Graf Guy wartete sie gar nicht mehr ab. Mit zornrotem Gesicht stand er auf und verließ die Halle durch die Tür zu einem Nebenraum. Graf Wilhelm gab Gottfried ein Zeichen, weiterzumachen, damit das Fest nicht gestört wurde, und folgte seinem Schwager.
Hannes, der gerade auf dem Weg zur Küche war, schlich ihnen neugierig nach. Er wollte wissen, wieso Geoffrey den Grafen so zornig machte. Pierre hatte in der Küche auch schon so seltsam auf ihn reagiert. Er schlüpfte hinter den Vorhang vor einer Wandnische und erschrak. Da stand jemand! Aber es war nur Konrad, der Grafensohn, der schnell einen Finger auf die Lippen legte.
"Sei still", wisperte er. "Sie dürfen uns nicht entdecken. Mein Onkel verdirbt das Fest. Er hat etwas gegen den Spielmann, und ich will wissen, was."
 

© Illustration Volker Fredrich

 

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 Christa Holtei (Text), Volker Fredrich (Illustration).
Das Zeichen des fremden Ritters.
Ein Mitratekrimi aus dem Mittelalter.
München: dtv junior 2011.
160 Seiten, Euro 6,95, ab 10 Jahren
ISBN 978-3-423-71477-8

Auch als eBook:

Bald auch auf Türkisch

Auch als Hörbuch